Herr Wasem, die DomStufen-Festspiele können auf eine über dreißigjährige Geschichte zurückblicken. Was macht den bleibenden Reiz der Spiele aus?
Malte Wasem: Besonders ist auf jeden Fall der Ort: Die historische Kulisse von Dom und Severikirche beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue, und hat auch in diesem Jahr ihre Wirkung mal wieder nicht verfehlt. In diesem Setting bekommen die Vorstellungen eine besondere Energie, die sich von der ersten bis zur letzten Minute auf alle Gäste und Mitwirkenden auf und hinter der Bühne überträgt. Der unruhige Blick in den wolkenlosen bis wolkenverhangenen Abendhimmel gehört bei Open-Air-Festspielen dazu – und das kräftige Durchatmen, wenn die Vorstellung trotz unklarer Wetterlage doch noch gut und trocken über die Bühne gegangen ist.
Wie schaffen Sie es, Zuschauer nach so langer Zeit immer wieder aufs Neue zu überraschen?
Malte Wasem: Die Abwechslung ist entscheidend! Jedes Jahr ein anderes Werk, mal Puccini, mal Tschaikowsky, und immer wieder spielen wir auch Musicals. Außerdem versuchen wir, Stücke auszuwählen, die einen besonderen Bezug zur historischen Kulisse haben. Dem Bühnenbild kommt dabei besondere Bedeutung zu. Die DomStufen-Festspiele locken Jahr für Jahr Gäste nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus vielen europäischen Nachbarländern und zuletzt auch aus den USA, Brasilien, China und Australien nach Erfurt. Wir versuchen, jeden Abend unterhaltsam und berührend zugleich zu gestalten – dann kommen die Zuschauerinnen und Zuschauer auch im nächsten Jahr gerne wieder.
Das Herzstück der diesjährigen Festspiele war die Anatevka-Inszenierung von Ulrich Wiggers. Warum dieses Stück?
Malte Wasem: Zunächst ist Anatevka ein phänomenales, sehr unterhaltsames und zugleich menschlich bewegendes Theaterstück. Es handelt von Toleranz, Empathie und Solidarität, von Traditionen und ihren Veränderungen. Die aktuellen politischen Bezüge liegen auf der Hand und mussten in der Inszenierung von Ulrich Wiggers gar nicht verstärkt werden. Wir haben uns bereits im Frühjahr 2023 für dieses Stück entschieden. Dennoch haben wir es in diesem Jahr natürlich noch einmal mit ganz anderen Augen gesehen.
Mit dem beeindruckenden Bühnenbild von Leif-Erik Heine, den historischen Kostümen von Jula Reindell und den Choreografien von Kati Heidebrecht, in die das ganze Solistenensemble und der Chor einbezogen waren, kam das Gemeinschaftsgefühl innerhalb des jüdischen Schtetls intensiv zum Ausdruck. Das korrelierte besonders mit Erfurt als Aufführungsort, denn die Stadt hat eine lange jüdische Tradition und erhielt dafür im vergangenen Jahr den Welterbetitel der UNESCO.
Welcher Gedanke hat die Auswahl der weiteren Stücke – neben Anatevka – in diesem Jahr geleitet?
Malte Wasem: Wir versuchen immer, eine möglichst gelungene Mischung aus bekannten und neuen Werken ins Programm zu nehmen. Mit populären Stücken wie Tosca, My Fair Lady, und Hänsel und Gretel wollten wir in dieser Spielzeit unser Publikum vom Theaterneuling bis zum treuen Theaterfan auch im Großen Haus begeistern und mit der Magie des Theaters verzaubern. Besonders freue ich mich auf die von uns in Auftrag gegebene Familienoper Jim Knopf und die Wilde 13, die im Frühjahr 2025 bei uns uraufgeführt wird.